Geschichte hautnah erleben – Das 7. Sächsische Geschichtscamp

28. September 2018 Chemnitz, Studio News

 

„Jetzt ist ihr Kopf abgeschnitten“, flüstert Vanessa ihrer Freundin vorwurfsvoll zu. „Stimmt“ murmelt diese und vergrößert den Bildausschnitt der Kameralinse. Nun ist die Referentin Cornelia Herold (BStU Dresden) in ganzer Person zu sehen. Vanessa Dölitzsch und Johanna Liebig filmen die Impressionen eines Vortrags während des 7. Sächsischen Geschichtscamps in Chemnitz.

In der Woche vom 24. und 28. September 2018 lud das Sächsische Staatsministerium für Kultus in Kooperation mit der Außenstelle Chemnitz des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) und dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten (Körber Stiftung) in das Evangelische Tagungs- und Freizeithaus „Röhrsdorfer Park“ in Chemnitz ein. Rund vierzig Jugendliche aus den 9. bis 13. Klassen in Sachsen waren für die Teilnahme ausgewählt worden.

„Das Geschichtscamp stellt eine ganz besondere Erfahrung für die Jugendlichen dar. Eine Woche können sie sich viel intensiver mit der Geschichte der DDR und der Stasi beschäftigen, als es in den zeitlich begrenzten Geschichtsstunden in der Schule möglich ist. Außerdem erhalten die Jugendlichen die Möglichkeit, Originalquellen zu analysieren und authentische Zeitzeugenbegegnungen mitzuerleben und zu gestalten.“, erklärt Koordinatorin Juliane Thieme.

Das diesjährige Thema lautet: „Und die Sonne schön wie nie über Karl-Marx-Stadt scheint – Sozialistische Vorzeigestadt für die einen, Tor zur Freiheit für die anderen“. Das Eingangszitat bezieht sich auf die Nationalhymne der DDR. Der Untertitel weist auf den sozialistischen Neuaufbau  der traditionellen Arbeiterstadt zur sozialistischen Vorzeigestadt  hin. Gleichzeitig war das Kaßberg-Gefängnis in Karl-Marx-Stadt aber ab Mitte der 1960er Jahre die zentrale Drehscheibe für den Freikauf von Häftlingen durch die Bundesrepublik.“, weiß Juliane Thieme.

Neben „Bürokratopoly“, einem Lehrspiel aus der DDR, erfahren die Schüler in Vorträgen, wie sogenannte Inoffizielle Mitarbeiter mit dem Ministerium  für Staatssicherheit der DDR (Stasi) zusammenarbeiteten. Außerdem besichtigen die Jugendlichen die Gedenkstätten der ehem. Frauenhaftanstalt in Hoheneck in Stollberg sowie das ehem. Kaßberg-Gefängnis in Chemnitz.  Ergänzt werden diese Besuche authentischer Orte durch persönliche Berichte von Zeitzeugen.

Besonders viel Zeit während des Camps füllen die Workshopeinheiten aus. Inhaltlich reichen die Workshops von den Themen „Akte S.- Ein Jugendlicher verfasst Flugblätter gegen Walter Ulbricht“ über „Nur noch raus – Eine Punkerin in Karl-Marx-Stadt“ bis hin zu „Videodokumentation – Schülerreporter*innen auf Spurensuche“. Die 18jährige Vanessa Dölitzsch hat sich für letzteren, durch den SAEK Chemnitz angebotenen Workshop entschieden. „Es hat mich schon lange gereizt, zu lernen, mit der ganzen Videotechnik umgehen zu können“, erzählt die Schülerin aus Dresden aufgeregt. Während der fünf Workshop-Tage filmen die insgesamt vier jungen Erwachsenen das gesamte Geschehen im Camp. „Die Idee einen Film über die Woche zu drehen, stand schon lange fest. Die Dokumentationen über die vergangenen Geschichtscamps konnten wir als Vorbild nehmen und an sie anknüpfen. Zunächst erhielten wir eine theoretische Einführung in die wichtigsten Regeln beim Drehen, wie beispielsweise die Anwendung der 5-Shot-Technik. Dann machten wir verschiedene Aufnahmen von Exkursionen und Vorträgen. Über den Ablauf und die Aufgabenverteilung wurde im Team viel diskutiert. Nun müssen wir noch weitere Aufnahmen von Orten, Personen und Dingen machen, um die einzelnen Szenen dann mit dem Filmschnittprogramm bearbeiten zu können. Erst am Ende können die Einzelteile zu einem großen Gesamtwerk zusammengefügt werden.“, erklärt Johanna Liebig aus Niesky (Oberlausitz). Der 17-jährigen Zwölftklässlerin hat besonders gefallen, dass sie wahre Emotionen filmisch festhalten kann. Außerdem erzählt sie begeistert: „Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie aus vielen verschiedenen Einzelclips eine zusammenhängende Dokumentation entstehen kann.“ Vanessa Dölitzsch ergänzt: „Mir hat besonders gut die Teamarbeit beim Workshop gefallen und dass jeder seine kreativen Ideen einbringen konnte. Nur die Interview-Szenen fielen mir nicht leicht aufzunehmen, da man sehr genau auf Faktoren wie Lautstärke oder Lichteinfall achten musste.“

Am Ende des Projekts soll eine ungefähr zehnminütige Videodokumentation entstehen, die u.a. auf dem Kanal des SAEK Chemnitz veröffentlicht wird: „Ich bin so froh, mehr Wissen über Filmdreh und Filmschnitt aus dem Workshop mitnehmen zu können.“, beendet Johanna Liebig unser Gespräch und wendet sich wieder einer Szenenabfolge im Videoschnittprogramm zu.

Clara Hoheisel, Praktikantin SAEK Chemnitz

 

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